Die Umnutzung stillgelegter Fabriken schont Ressourcen und Boden. Und bewahrt das kulturelles Erbe. Architektonisch sind die hohen Hallen ohne ZwischenwĂ€nde oft eine Herausforderung. Unsere Beispiele zeigen, wie kluge Konzepte den Bestand nachhaltig sichern â ob als Kulturzentrum, Hotelbetrieb, Startup Hub, BĂŒrokomplex oder als Zentrum eines ganz neuen Stadtquartiers.
5. FabrikaGeorgien
In Tiflis wurde aus einer ehemaligen sowjetischen Bekleidungsfabrik ein vielfĂ€ltiges Kulturzentrum mit CafĂ©s, Restaurants, WerkstĂ€tten fĂŒr KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler, Co-Working Space, Eventlocations und Hostel. Umgeben von drei Baukörpern ist im groĂen Innenhof viel Platz fĂŒr Veranstaltungen, Shops und fĂŒr FreiflĂ€chen der Gastronomie. Bei der Revitalisierung der GebĂ€ude war der Erhalt des Bestands im Fokus, wobei die neue, kreative Nutzung mit zeitgenössischen Elementen ihren Ausdruck findet. So entstand eine Symbiose aus Alt und Neu. Nackte WĂ€nde, Böden, bestehende Farbe und Dekorationen blieben erhalten, wenn es möglich war. Die Architekten von MUA schlossen die Verwandlung der leerstehenden Hallen auf einer GrundflĂ€che von 7.600 m2 im Jahr 2017 ab. Seitdem ist aus der ehemaligen NĂ€hfabrik Nino ein beliebter Ort fĂŒr Kunst und KreativitĂ€t geworden. Heute ist das GelĂ€nde unter dem Namen Fabrika national und international bekannt.
4. ZuckerfabrikPolen
Die Zuckerfabrik Ć»nin in Polen produzierte von 1894 bis 2004 RĂŒbenzucker. Statt sie nach ihrer SchlieĂung wie geplant abzureiĂen, hat man die Fabrik aufwendig saniert und fit gemacht fĂŒr eine ganz neue Nutzung. Insgesamt besteht der Komplex aus 27 GebĂ€uden. Alle blieben erhalten â inklusive kleinster Details wie Schrauben oder Blechreste. Im HauptgebĂ€ude befindet sich nun ein 4-Sterne Hotel mit Restaurant. AuĂerdem gibt es ein 3-Sterne Hotel mit Aquapark, Spa, Club und einer Brauerei am GelĂ€nde, einen Konferenzraum mit Platz fĂŒr 800 Personen und ein Kino, ein weiteres Restaurant, eine Marina am See und ein Rehabilitationszentrum. Bei der Revitalisierung der 23.000 mÂČ GesamtnutzflĂ€che hat das ArchitekturbĂŒro BULAK PROJEKT mit seinen Partnern groĂen Wert auf die Erhaltung des Industriecharakters gelegt und ein Best Practice-Beispiel fĂŒr die sanfte Revitalisierung historischen Bestands geliefert. Sogar alte Maschinen und Fahrzeuge sind vor Ort geblieben und wurden in das Landschaftskonzept integriert.
3. Tabakfabrik LinzĂsterreich
Die Tabakfabrik Linz wurde von den Architekten Peter Behrens und Alexander Popp geplant und 1935 in Betrieb genommen. Es war einer der ersten Stahlskelettbauten in Ăsterreich. Seine Architektur gilt als Paradebeispiel der Neuen Sachlichkeit. Die GebĂ€ude fĂŒr das Hochregallager und den Verkauf wurden erst in den Achtzigerjahren von den Architekten Suter + Suter realisiert. 2009 hat die Stadt Linz das Areal inklusive denkmalgeschĂŒtztem GebĂ€ude nach seiner Stilllegung ĂŒbernommen. 2013 startete die Revitalisierung, zunĂ€chst mit Bau 2 â heute Haus DAMES â mit dem sogenannten Box-in-Box-Konzept, das den Erhalt der historischen HĂŒlle ermöglichte. Es folgten die Sanierung und Revitalisierung weiterer HĂ€user und des GelĂ€ndes in mehreren Bauphasen. Mittlerweile ist die Tabakfabrik Linz zu einem modernen Startup Hub mit Innovationswerkstatt und Eventlocations geworden. Die Linzer Brauerei bringt sogar Produktion zurĂŒck in die historischen Hallen. Die Tabakfabrik Linz gilt als Vorreiter fĂŒr die nachhaltige Umnutzung und den Erhalt historischer Fabrikshallen und zeigt, dass Denkmalschutz kein Hindernis ist, wenn es um eine smarte, moderne Raumnutzung geht. Dass das Konzept aufgeht, zeigen fast zwanzig Jahre nach Projektstart die hohen Besucherzahlen und die lebendige Szene vor Ort.
2. Altes GaswerkSpanien
In Madrid haben Foster + Partners ein altes Gaswerk in einen trendigen Arbeitsplatz verwandelt. In der ehemaligen Werkhalle, die 1904 gebaut worden ist, befinden sich heute mehr als 10.000 mÂČ BĂŒroflĂ€che. FĂŒr eine hohe AufenthaltsqualitĂ€t und die optimale Platznutzung wurde eine freistehende Leichtbaukonstruktion aus heimischem Holz in der 90 m langen und 30 m breiten Halle installiert. So konnte die AuĂenhĂŒlle aus Ziegel mit ihren historischen Fenstern erhalten bleiben. Im Inneren sind drei Stockwerke mit rund 800 flexiblen ArbeitsplĂ€tzen entstanden. Das umliegende FabriksgelĂ€nde wurde zu einem öffentlichen Park revitalisiert, Photovoltaikpaneele am Dach der ehemaligen Fabrik versorgen das GebĂ€ude mit erneuerbarem Strom. Insgesamt ist die Umnutzung des alten Gaswerks ein gutes Beispiel fĂŒr bestmögliche Ressourcenschonung bei der Schaffung neuer NutzflĂ€chen in zentraler Lage.
1. Papieri ChamSchweiz
Die Neunutzung der Papierfabrik in Cham in der Schweiz wurde zu einem umfassenden Quartiersentwicklungsprojekt. Mehr als 300 Jahre war die Papierfabrik prĂ€gend fĂŒr das Stadtbild. Ein Abriss kam daher nicht in Frage, als die Cham Paper Group Holding AG im Jahr 2016 beschloss, die Produktion am 12 ha groĂen Areal aufzugeben. Boltshauser Architekten und Albi Nussbaumer Architekten haben daraufhin einen Bebauungsplan fĂŒr das GelĂ€nde entwickelt: ein âurbanes, lebendigesâ Quartier fĂŒr 2.000 Einwohner*innen und rund 1.000 Arbeitnehmende. Die Sanierung und Umnutzung der Papiermaschinenhallen 1-4 in Wohn- und GewerberĂ€ume wurde 2023 abgeschlossen. Das Ensemble beherbergt heute in den Erdgeschossen neben Retail-, Gewerbe- und DienstleistungsflĂ€chen auch Ateliers und 52 Eigentumswohnungen. Bei der Sanierung wurden die Hallen im Inneren bis auf die tragende Substanz rĂŒckgebaut, die bestehenden Fassaden â geprĂ€gt von einer markanten Skelettkonstruktion aus Eisenbeton und Ausfachungen aus Zementsteinen â blieben zum Teil erhalten. Fehlende Fenster und nicht erhaltenswerte Abschnitte haben die Architekten bewusst nicht kĂŒnstlich rekonstruiert, sondern mit modernen Elementen ergĂ€nzt. Die PORR SUISSE hat das Projekt als Totalunternehmerin realisiert und im Juni 2023 offiziell abgeschlossen.